SHELL Straßenkarte Nr. 10 - Rheinprovinz - Westfälisches Industriegebiet
In der Shell Straßenkarte Nr.10 aus dem Zeitraum von 1934 und 1935 sind Städte wie Aachen, Köln, Düsseldorf, Münster, Wuppertal und das Ruhrgebiet dargestellt.
VON LAND UND LEUTEN (Original Text)
Der Atlas der deutschen Volkskunde hat mehrere bunte
Blätter aufzuweisen, aber die Landkarte, die das Gebiet
zwischen Münster, Wesel, Köln und Bonn umfaßt, stellt
wohl das bunteste daraus dar.
In Westfalen sitzt ein kernhaft germanisches Volkstum,
den Niedersachsen in vielen Zügen verwandt, und doch ein so
eigener Schlag, daß die neuere Rasseforschung ihn als einen
besonderen anerkennt und als den fälischen bezeichnet.
Gediegenheit und Beharrungsvermögen zeichnen ihn aus.
Nochausgeprägter als beim Niedersachsen und Friesen ist
hier die alte Vorliebe für die Einzelhofsiedlung, die schon
Tacitus bei den ihm bekannt gewordenen Germanenstämmen aufgefallen
war. Der Hausbau, dem niedersächsischen nächst verwandt,
weist aber doch Unterschiede, etwa zwischen dem Sauerlande
und dem Münsterlande, auf. Bis in das 19. Jahrhundert
reinstes Bauernland und von dem Geiste beseelt, wie ihn
Immermann im Oberhof schildert, erlebt dann Westfalen in
folge des schlagartigen Aufkommens der Großindustrie und
des damit verbundenen Einströmens landfremder
Arbeitermassen Veränderungen, die ganze Gebiete von Grund
auf verändert haben.
Während in den bäuerlich gebliebenen
Gebieten sich die alten Volksanschauungen und auch das
Brauchtum weiter erhalten, setzt seit etwa 1870 ein
schneller Verfall der früher berühmten Volkstrachten ein,
so daß nur noch Oberreste zu verzeichnen sind. Aber auch da
wird bei spielsweise im Emslande darüber geklagt, daß die
frühere Farbenfreudigkeit mehr und mehr abkommt. Sehenswert
sind die Trachten von Minden, im Kirchspiel Rahden (Kr.Lübbecke).
Im katholischen Sauerlande findet sich noch die den Kopf und
den Körper bedeckende „Faige", ein schwarzes
Regentuch, das seinen Trägerinnen ein nonnenartiges
Aussehen verleiht. Wohl als Fortsetzung einer alten
Zunftgewandung tragen die „Zögen" (Drahtzieher) von
Alteng noch eine eigene Tracht. Uraltes Handwerkertum hat
sich bei den Klingenschmieden und Schleifern des bergischen
Landes, wo jeder Meister noch sein eigenes Häuschen hat und
sein Stück Land bewirtschaftet, zu erhalten vermocht. Auch
das mehr landwirtschaftliche Siegerland steckt noch voller
Oberlieferungen.
Im Rheinland muß einmal im Jahre der große
Karneval die Freude an dem früher hier herrschenden und oft
von Wegestunde zu Wegestunde wechselnden Schatz an
Volkstrachten ersetzen. Er war einst so bunt, wie die
Landkarte längs der großen Völkerstraße am Rhein, und
seinen Abglanz sehen wir noch gelegentlich bei historischen
Aufzügen und Winzerfesten. Die Mannigfaltigkeit der
Trachten entsprach der Beschwingtheit des Blutes, die den
Rheinländer so geistig regsam und liebenswürdig macht. Der
Menschenschlag ist in der Grundlage fränkisch, wobei sich
der nördliche Niederfranke merklich im Wesen und in der
Sprache vom Mittelfranken ab hebt. Wie wenig gelegentliche
Einschläge der von den Franken verdrängten Kelten (die
stärker nur in einigen armen Höhengebieten erkennbar sind)
und der Nachkommen der römischen Legionäre das deutsche
Herz des Rheinländers beeinflußt haben, hat er in der
französischen Besatzungs- und in der Separatistenzeit
bewiesen. In den Dörfern wird ebenso wie in der Großstadt
Köln das Herkommen hochgehalten. Auch der rege
Fremdenverkehr hat dies nicht verwischen können, was
besonders bei der Weinlese beobachtet werden kann. Von
unvergleichlicher Bedeutung aber ist das Land des
Nibelungenstromes als Hort der Erhaltung deutscher Sagen.
Jeder Stein kündet hier von altdeutscher Heldenzeit.
Westfalen zeigt wie Hannover und
Braunschweig das silberne Sachsenroß in rotem Schilde, nur
daß es fast aufrecht springend dargestellt wird. Das Wappen
der Rheinprovinz ist der preußische Adler mit gekröntem
Brustschild. Auf letzterem in grünem Feld ein
schrägrechter, silberner Fluß.