VON LAND UND LEUTEN (Original Text)
Das Gebiet der Karte umfaßt die denkbar
größte Mannigfaltigkeit der Landschaftsgestaltung und der
Stammessonderheiten. Beginnend im Westen mit den Ausläufern
der rheinisch westfälischen Industriemassierung,
umschließt sie jene traulich ländlichen Mittelgebirge, die
um das hessische Bergland gelagert sind. Das Rothaargebirge,
den Habichtswald, den durch den tiefen Einschnitt der Werra
vom Thüringer Wald getrennten Hohen Meißner, mit dem das
Kartengebiet mit 750 Metern über dem Meerespiegel seine
höchste Höhe erreicht. Diese von mächtigen Basaltmassen
getragene, schroff abfallende Muschelkalkklippe ist eine
altgermanische Verehrungsstätte, und der ganze, reich mit
volkskundlichen Oberlieferungen gesegnete Gau war einst das
Aufmarschgelände der freien Germanen zu der
Vernichtungsschlacht, welche sie unter Hermann's Führung
den römischen Legionen drüben im Teutoburger Walde
lieferten. An alten Stammesverbänden treffen hier zusammen
die Niedersachsen, die Westfalen, beide in den Grenzbezirken
wie in Lippe nicht leicht von einander zu unterscheiden, die
Chatten und die Thüringer. Im Dorfbild überwiegt das
Fachwerkhaus, das aber auch bis in die Städte siegreich
sich behauptet. Selbst eine so gewerbefleißige und
geschäftige Stadt, wie das den Flachsbau der Nachbarschaft
ursprünglich zur Garnspinnerei und Leinenweberei, später
zur blühenden Wäschefabrikation verwertende Bielefeld
behält inmitten von Gärten und Wäldern eine gesunde
Schollenverbundenheit. Hannöverisch-Münden, wo das
Weserlied entstand, ist von Alexander von Humboldt, dem
sachverständigen Weltreisenden, als eine der am schönsten
gelegenen Städte der Erde gepriesen worden.
Nach dem Harz hin begegnen wir einer ganzen
Reihe von Mittel- und Kleinstädten, die zu den größten
Sehenswürdigkeiten Deutschlands gehören, Quedlinburg,
Halberstadt, Goslar mit seiner romanischen Kaiserpfalz,
Wernigerode, das bei seiner Enge zwar nicht an Zahl der
alten geschnitzten Holzhäuser mit Braunschweig und
Hildesheim wetteifern kann, aber beide an farbenfreudiger
Buntheit noch übertrifft. Sehenswert und dazu von altem
Geistesadel angehaucht ist auch die Hochschulstadt
Göttingen, nicht minder das an der munteren Lahn gelegene,
dicht an seinen Schloßberg geschmiegte Marburg. Das
jüngere Gießen an stark benutzter
Wsrtschaftsverkehrsstraße dagegen zeigt einen
beträchtlichen industriellen Einschlag durch
Seinetabakmanufakturen, seinen Maschinenbau und seine
Manganerzverhüttung. Wer heute im Kraftwagen diesesGebiet
durchquert, der macht sich schwerlich einen Begriff von den
zahllosen Aufenthalten, die hier ehedem durch die
Schlagbäume dem Postkutschenreisenden geboten wurden, und
doch wirkt die einstige Kleinstaaterei noch sichtbar in den
mannigfachen Kulturanregungen nach, die von den Residenzen
ausgegangen sind. Kassel mit Wilhelmshöhe ist trotz seines
lokomotivenbaues noch immer vom Zauber des vor maligen
Fürstensitzes angehaucht. Detmold und gar Arolsen, die
Hauptstadt des ehemaligen Fürstentumes Waldeck, an Glanz
weit überstrahlt durch das weltberühmte Heilbad Pyrmont,
konnten in ihren Bauernländchen nicht groß werden und
blieben daher beste Beispiele der Verbundenheit zwischen
Stadt und Land. Auch die alte bischöfliche Residenz
Paderborn dient trotz ihrer günstigen
Verkehrslagehauptsächlich dem Landhandel und hat sich mit
ihren Kirchen und Giebelhäusern ein vornehm stilles Wesen
gewahrt. Erfurt, die andere Bischofsstadt, mit einem durch
die Treppenstraße zwischen zwei Gotteshäusern geschaffenen
unvergleichlichen Ortsbilde, ist die Blumenzüchterstadt
nicht nur Deutschlands, sondern fast der ganzen Welt
geworden und meilenweit prangt seine Ackerflur in
leuchtenden Farben. Weimar, die Wohnstätte der
Dichterfürsten, und das von der Wartburg überragte
Eisenach, dazu der fröhliche Musensitz Jena leben noch
heute in der Erinnerung an unsere klassische Zeit. Neben
fast kirchlich ernsten Trachten, die sich noch in Westfalen
erhalten haben und Spuren der alten Trachten in Thüringen
gehört hier das Bückeburger Land zu den wichtigsten
Trachtengebieten, die wir noch besitzen. Ihre malerischen
roten Röcke tragen die Frauen sogar noch zur Feldarbeit,
die breite schwarze Haubenschleife und den blanken
Metallschmuck als Sonntagsstaat. Farbenbunt und dazu im
Schnitt gut zu der fälischen Rasse passend, die sie trägt,
sind auch die berühmten hessischen Trachten des
Schwalmtales.
Als Wappen führt Braunschweig das
springende silberne Sachsenroß im rotem Felde, ähnlich
Westfalen, Lippe zeit die fünfblätterige rote Rose mit
kleinen goldenen Spitzen in den Winkeln im silbernen Schilde
und Waldeck in Gold einen achtstrahligen schwarzen Stern.