VON LAND UND LEUTEN (Original Text)
Mecklenburg und Vorpommern bilden eine schon
in ferner Urzeit bedingte Einheit, die sich trotz einiger
geologisch und geschichtlich geschaffener Verschiedenheiten
dem Reisenden stark einprägt. An malerischen Reizen ist das
Gebiet überreich. Die mecklenburgische Seenplatte mit der
dichtesten Anhäufung von Binnenwässern, die wir auf
deutschem Boden besitzen, ist bei aller Gleichartigkeit der
von Schilf und Buchenwäldern umkränzten Ufer
unerschöpflich an unverbildeten Schönheiten. Die Müritz
führt ihren Namen als Binnenmeer mit vollem Recht, daran
zweifelt niemand, der ihre Brandung einmal vom Sturm
aufgepeitscht gesehen hat. Rügen, das sich mit seinen
lichtgrün eingerahmten silbernen Kreideklippen aus der
blauen Ostsee als die schönste unter allen unseren Inseln
erhebt, birgt einen wundervollen Schatz an sagenumwobenen
Denkmälern der Vergangenheit, Ringwälle und Hünengräber.
Aber auch die scheinbar flache
Ebenenlandschaft, welche die Gletscherzeit so geformt hat,
wie wir sie heute sehen, ist trotz ihrer geringen
Höhenunterschiede durch die Gegenwirkung des hochgespannten
Himmelsbogens von so bedeutender malerischer Kraft, daß
hier zwei der größten Entdecker der norddeutschen
Landschaft, die Maler Kaspar David Friedrich und Philipp
Otto Runge, erwachsen konnten. Dazu tritt die stolze Pracht
der alten Hansa- und Ordensritterbauten mit ihrer hier am
reichsten ausgebildeten Backsteingotik: Städte wie Wismar
und Rostock, Greifswald und Güstrow, Fritz Reuters Heimat
Neu-Brandenburg mit einem wehrhaften Torbau, der
seinesgleichen nur in Lübeck hat, und dazu viele kleinere,
die kein Reiseführer mit einem Stern versehen hat und die
doch das überraschte Entzücken des Reisenden erwecken. Sie
alle überstrahlt freilich die Perle dieses Gebietes,
Stralsund, das zwischen Meer und Teichen geborgen einem
Wallenstein widerstehen konnte und drei mächtige Dome
emporredkt, deren jeder einzelne genügen würde, um den
unvergänglichen Ruhm eines tatkräftigen Bürgertums zu
verkünden. Aus anderem Geiste gewachsen sind die
fürstlichen Hauptstädte, die kleine Residenz Neu-Strelitz
und das blanke, saubere Schwerin, das sich mit dem
türmereichen Schloß und dem ernsten Dom Heinrichs des
Löwen in seinem See spiegelt, der über 60 Quadratkilometer
groß ist. Aber es klafft doch eine weite Lücke zwischen
den Schöpfungen des Mittelalters und den Siedlungsdörfern,
in deren Anlage Mecklenburg in den letzten Jahren in mancher
Hinsicht führend geworden ist. Was dazwischen liegt, ist
die auffallende Entwicklung des Großgrundbesitzes mit
seinen heute oft schloßartigen Gutshöfen und zahlreichen
Nebengebäuden.
Wir sind hier in altgermanischem Stammland.
Der Boden liefert bronzezeitliche Funde von gleicher Art und
Ausgestaltung wie das südliche Skandinavien. Aber später
zogen die germanischen Stämme teilweise ab und überließen
das Land der slawischen Oberwanderung.
Im 12. Jahrhundert begann die
Wiedereindeutschung dann mit restlosem Erfolg. Indessen
wurde das tüchtige Bauerntum und jenes Bürgertum, welches
die Türme der Stadttore und Hochkirchen aufgerichtet hat,
von den großgrundbesitzenden Standesherren fast ganz
überschattet, deren Kämpfe um ihre Vorrechte
jahrhundertelang die Blätter der Landesgeschichte
annähernd ausschließlich gefüllt haben. Viele, die etwas
werden wollten, sind zu der Zeit in die Fremde gegangen, und
das war auch das Schicksal Ernst Moritz Arndts, des Sängers
der Freiheit, dessen Vater noch als leibeigener geboren war
und der sein Leben lang für die Bauernbefreiung gekämpft
hat, die jetzt endlich von der nationalen Regierung
vollendet worden ist. Die schönsten Trachten des Gebietes
weist die Halbinsel Mönchgut auf Rügen auf. In Mecklenburg
ist die Wiederbelebung der alten Trachten heute in vollem
Gange. - Das Grundwappen der beiden jetzt vereinigten
Mecklenburg ist der schwarze Stier- (Auerochsen-) Kopf im
goldenen Felde. Pommern führt den roten Greifen im
silbernen Schilde.