Wenn man von Holland herkommend die Grenze
an der unteren Ems überschreitet, bietet sich ein
seltsamer, unvergeßlicher Eindruck dar. Aus dem mit fast
spielerischer Freude am Zierat und Oberfluß ausgestatteten,
dicht bewohnten Nachbarland, wo jeder Fußbreit sorgfältig
genutzt ist, kommt man auf deutschem Gebiet zuerst in eine
äußerst dünn besiedelte, einsam-ernste Gegend, die in
meilenweiten Flächen eine Moorlandschaft in jungfräulichem
Zustande zeigt. Namentlich der die unmittelbare Grenze gegen
die Niederlande bildende breite Streifen, der unter dem
Namen Bourtanger Moor bekannt ist, genießt eine doppelte
Berühmtheit, einmal bei den Besuchern der
Kunstausstellungen, da die Maler sich hier gern Motive
holen, wie sie das deutsche Vaterland sonst nirgends bietet,
zweitens aber als ein seit Jahrzehnten zu einem Losungswort
in der Reihe der großen öffentlichen Meliorationspläne
gewordener Name. Nachdem hier unmittelbar nach dem Kriege
die ersten Vorarbeiten aufgenommen worden sind, wird dieses
Gebiet jetzt zu einem der Hauptbetätigungsfelder des
Arbeitsdienstes werden, da hier nicht weniger als
hunderttausend Morgen bisheriges Odland in bäuerliche
Siedlungen verwandelt werden sollen. In seinem bisherigen
Zustande bietet dieses Unter-Emsland viele volkskundliche
Merkwürdigkeiten. Die oft seit Jahrhunderten in
unverändertem Besitz desselben Geschlechtes befindlichen
Höfe sind zum Teil von einer räumlichen Ausdehnung, wie
anderwärts stattliche Gutsbesitze, doch befinden sich
entsprechend den bisherigen Boden und
Grundwasserverhältnissen nur kleine geeignete Teile davon
unterm Pflüge. In entlegeneren Strichen findet man noch die
älteste Form des germanischen Hausbaues, das in Fachwerk
errichtete Einraumhaus, bei welchem der Rauch des als offene
Feuerstätte aus Feldsteinen gemauerten Herdes ohne
Schornstein durch die „Uhlenflucht", die offene Luke
unter mit hölzernen Pferdeköpfen geschmücktem Giebel,
abzieht. Nur wenige Kilometer südlich, nach Osnabrück und
Münster zu, ändert sich das Bild vollkommen, denn hier
beginnt „die rote Erde" in aller ihrer Behäbigkeit,
und wenden wir uns nach Osten, so gelangen wir nach
Oldenburg. Obwohl das Land nur zu einem Fünftel aus fetter
Marsch, zu vier Fünfteln aber aus ungleichartiger Geest
besteht, werden alle Zweige der Landwirtschaft in
beachtlicher Höhe gepflegt. Namentlich ist hier der Sinn
für Pferdezucht in allen Kreisen der Bevölkerung
Gemeingut. Von der bedächtigen Ruhe, mit der hier
agrarische Höchstleistungen als etwas selbstverständliches
geboten werden, ist etwas auf die ganz mittelstädtische
Haupt- und Residenzstadt Oldenburg übergegangen. Nur an
Waldungen ist Oldenburg, wie das ganze Kartengebiet, arm,
dafür besitzt es bei dem durch seine Linoleum Erzeugung
bekannten Städtchen Delmenhorst einen derwenigen Reste von
echtem Urwald, die sich in Mitteleuropa erhalten
haben.
Auf eine stammesmäßig scharf ausgeprägte
Weise haben sich an der Küste und auf den Inseln im Norden
die Friesen allezeit als Menschen gezeigt, die den
Lebenskampf zu bestehen verstanden. Lieber tot als Sklave!
war ihr Wahlspruch gegen jeden Feind, der ihre Freiheit
bedrohte, und gleichzeitig mußten sie ihr Land gegen das
gierige Meer, den „blanken Hans", ständig durch
Deiche sichern und diesem Gegner durch mühsam erbaute Kooge
neuen Lebensraum abgewinnen. Nebenbei sind sie hervorragend
zum Handel begabt; ihr Hauptort leer, wo die älteste
christliche Kirche in ihrem Stammesgebiet gebaut wurde, ist
der größte deutsche Viehumschlageplatz. Wilhelmshaven,
eine großartige Kriegshafenschöpfung der Kaiserzeit, hatte
an den Folgen des Weltkrieges besonders stark zu leiden. Es
gewinnt jedoch, auch als beliebter Kur- und Badeplatz,
wieder stärker an Bedeutung.
Bremen, einstmals mächtigste Beherrscherin
der Nordsee, ist heute in seinem Stadtbilde überwiegend
neuzeitlich-stattlich, weist aber hinter seinen älteren
Hausmauern viel gepflegten, echten Hanse und Patriziersinn
auf. Es ist ein verwandter Geist, der im althistorischen
Osnabrück trotz späterer Industrieentwicklung so treulich
die ererbten baulichen Schönheiten zu erhalten verstanden
hat.
An Trachten finden wir in dem
Kartenabschnitt neben den ernsten Frauengewändern im
altmünsterischer Umkreis die oft von Künstlern gemalten
und den Seebädergästen vertrauten Sonntagsgewänder der
Bewohner der friesischen Inseln.-- Das Wappen von Bremen ist
der schräg umgekehrt liegende silberne Schlüssel in Rot,
Oldenburg zeigt im gevierteten Felde abwechselnd in Gold
zwei rote Querbalken und in Blau ein goldenes
Ankersteckkreuz, Hannover das silberne Sachsen roß im roten
Schilde.