Das Kernland der Niedersachsen,von so
entscheidender Bedeutung für unsere vaterländische
Geschichte und namentlich auch für die Ostsiedlung bis an
die Grenzen der baltischen Provinzen, zeigt in seiner
Bevölkerungszusammensetzung eine Einheitlichkeit, wie sie
wenige andere Gebiete besitzen. Nur an den Rändern begegnen
wir, außer den längst zu einer geschichtlichen Erinnerung
gewordenen Bewohnern des hannöverschen Wendlandes,
friesischem, thüringischem und fränkischem Einschlag.
Sonst scheint das Wesen des Stammes unverändert, wie er
seit germanischer Heidenzeit die Giebel seiner Höfe mit
Pferdeköpfen schmückt, und man merkt seiner Volkskroft
nicht an, daß er jahrhundertelang die
unternehmungslustigsten seiner Jungen als heiligen Lenz in
fernes Neuland abgegeben hat.
Eher könnte es scheinen, als ob dieser
Abstrom die Ausgeglichenheit des niedersächsischen Gehabens
noch erhöht hat. Sie überbrückt auch die sehr
beträchtlichen Unterschiede der hier herrschenden
Landschafts- und Bodengestaltung. Denn wir finden hier alle
Arten, Moor und Heide, Bergland und Küstengebiet, fetten
Löß und mageren Sand, und doch wissen wir stets, daß wir
in der Heimat der Niedersachsen sind. Dafür sorgt schon das
niedersächsiche Haus, das in seiner Antage auf
vorgeschichtliche Vorbilder zurückgeht. Aus ihm sind die
herrlichsten Fachwerkbauten erwachsen, welche die Welt
kennt, und die Braunschweig, Hildesheim, Goslar, die alten
Viertel von Hannover und andere Städte zu
Sehenswürdigkeiten machen, während auch das Badesteinhaus
alter Prägung, wie wir es in Bremen finden, von dieser
Wohnkultur beeinflußt ist. Dem Fremdling, der beim Betreten
eines solchen Hauses fragt, ob das Wohnen hier nicht große
Unbequemlichkeiten im Gefolge habe, hat Justus Möser in
seinen Patriotischen Phantasien die treffende Antwort
gegeben, daß kein Vitruv imstande sei, mehr Vorteile in
einer Wohnstätte für Bauern zu vereinigen.
In der Tat sind wir hier in einem
Bauernlande, wo die Besitzverteilung dank der immer streng
eingehaltenen Anerbenrechtsfolge besonders gesund geblieben
ist. Während aber der niedersächsische Hausbau weit über
sein ursprüngliches Gebiet nach Osten hin maßgebend
geworden ist und das zäh festgehaltene germanische Erbrecht
neuerdings in der Gesetzgebung ganz Preußens und des
Reiches Richtlinien gegeben hat, ist durch verschiedene
äußere Umstände der Reichtum der noch um die Mitte des
19.Jahrhundertsbestehenden niedersächsischen Volkstrachten
fast völlig verloren gegangen. Örtliche Ausnahmen bilden
das Amt Gifhorn und das linkselbische Alte Land,
Braunschweig und besonders Büdkeburg mit seinen schönen,
noch gegenwärtig auch zur Arbeit getragenen Frauentrachten.
Einige kleinere Reste hoben sich allgemein erhalten,
besonders der altertümliche Frauenmantel, die „Holke",
die aber meist auch schon auf den Kirchgang und auf die
Trauerkleidung beschränkt ist.
Oberaus reich dagegen ist das oltgermaniscte
Brauchtum erhalten. Es weist eine örtlich sehr
mannigfaltige Ausgestaltung auf und begleitet den
Niedersachsen von der Wiege bis zum Grabe. Berühmt sind mit
Recht die großen vielerorts üblichen Suppen hochzeiten,
die sich zu Volksfesten für die gesamte Nachbarschaft
ausdehnen, wobei aber jeder der massenhaft erscheinenden
Gäste nach Maßgabe seines Vermögens und des
Verwandtschafts- oder Freundschaftsgrades einen
Unkostenbeitrag zusteuert. Das Anerbenrecht beläßt die
nicht erbberechtigten Geschwister vielfach im Dienste bei
dem erbenden Bruder und schafft so Familien betriebe. Auch
das angenommene Gesinde wird meist so behandelt, als ob es
zur Familie gehörte.
Saat und Erntegebräuche und die großen
Jahresfeste werden nach genauem Herkommen eingehalten, Auch
die Viehhaltung und selbst die trotz der allmählichen
Verdrängung der Heide durch die neuzeitliche Technik noch
immer blühende Heide und Wanderimkerei hat ebenso wie die
Heidschnudkenschäferei ihre besonderen Oberlieferungen.
Das Niedersachsenroß bildet das heute noch
ungeheuer volkstümliche Wappenwahn&dien dieser Gebiete.
Sowohl Hannover wie Braunschweig führen das silberne Pferd
im roten Schilde, nur mit dem Unterschied, daß es für
Hannover In 8lterer Zeit springend, für Braunschweig mehr
laufend dargestellt wird. Schaumburg-Lippe zeigt die rote
Rose in Silber für Lippe, und das Wappen des Hauses
Schaumburg, ein silbernes Nesselblatt in Rot.