VON LAND UND LEUTEN (Original Text)
Von der Eiszeit her verbinden riesige Urstromtäler das
Gebiet der heutigen Mark Brandenburg mit dem polnischen
Osten. Das hervortretendste dieser auf der Landkarte von
Europa deutlich abgezeichneten Gebilde streicht in der
Richtung von Berlin nach Warschau und hat von diesen beiden
Hauptstädten den Namen bekommen. Es bedeutet gleichzeitig
ein Einfalltor östlicher Landschaft nach Deutschland hin.
Wer aus den übrigen deutschen Gauen kommt, der fühlt sich
hier im ersten Augenblick etwas Neuem gegenüber gestellt.
Während Norddeutschland gar nicht so flach ist, wie der
Bewohner der süddeutschen Berge es annimmt, und während
sonst der norddeutsche Himmel selbst mit seinen wechselnden,
klaren Lichtern Ausdruck über die Ferne breitet, bekommen
wir in der Grenzmark den ersten Begriff von dem, was allen
Reisenden seit dem Mittelalter und was zuletzt unseren
Feldgrauen im Weltkriege am polnischen und russischen Raum
unheimlich erschien. Die Ebene verebbt zu unendlicher Weite,
alle Farben werden blasser, selbst der Wald, der sich auf
locker zusammengewehten Sandflächen mühsam behauptet,
besitzt einen anderen Ausdruck als sonst. So ist die Provinz
mit dem Traditionsnamen Grenzmark - Posen - Westpreußen auf
den ersten Anblick ein für den Auswärtigen fremdgeartetes
Gebiet, zumal sie zwischen Gegenden eingeschoben ist, deren
Böden erheblich frucht
barer sind, und die größeren Städte, welche mit ihrem Namen
bedeutende geschichtliche Erinnerungen verbinden, jenseits
der in Versailles gezogenen Grenzen liegen, so Thorn und
Graudenz, Dirschau und Kulm, Bromberg und Posen. Der
Grenzmärker ist sich seiner besonderen Lage auch bewußt, und
ähnlich, wie der Tiroler unglücklich ist, wenn ihm seine
Berge fehlen, so hat ein Sohn der Grenzmark, der hier von
niedersächsischen Eltern geborene Dichter Hermann Löns,
bekannt, daß er sich im Gebirge beengt fühle, und daß seine
Seelenheimat die Heide sei, wo keine Bergkulissen den
Horizont begrenzen. Der Grenzmärker bekennt sich mit
leidenschaftlicher Liebe zu seiner Provinz, auch wenn er
sich nicht darüber täuscht, daß es ihr an landläufiger
Romantik fehlt und sich darüber in manchem launigen
Spottvers lustig macht. Wenn man das Gebiet näher kennen
lernt, so macht man die Entdeckung, daß es ihm auch durchaus
nicht an anmutigen Schönheiten fehlt. wischen Sumpf und Wald
eingebettet, verfügt es über idyllische Winkel, welche der
Photograph längst entdeckt hat und die es verdienen, daß
endlich auch der Maler sie erkennt. Wir begegnen einzelnen
Denkmälern der bis hierher ausgestrahlten Wirksamkeit der
Kreuzritter, noch viel zahlreicher aber sind, durch ihren
Umfang auch den Unkundigen auffallend, die
vorgeschichtlichen Ringwälle, die von uralten Völkerkämpfen
Zeugnis ablegen. Wie überreich der Boden an Funden gerade
aus der germanischen Wanderzeit ist, beweisen die in den
Heimatmuseen treulich bewahrten Ausgrabungen, welche diesen
Boden geradezu zu einem klassischen erheben. In den Dörfern
fesselt uns gelegentlich der Anblick des gemütlichen
Laubenhauses, das uns hier in seiner ostdeutschen Form
entgegentritt. Schon die Römer bezeichneten diese
Fachwerkhäuser mit dem Laubenvorbau, die ihnen am Rhein und
an der Mosel auffielen, als eine besondere germanische
Eigentümlichkeit. Wir wissen seither, daß unsere Vorfahren
diese Bauart schon seit der Bronzezeit bevorzugten, aber es
ist nicht zu erklären, warum dieses Bauernhaus sich gerade
hier so getreulich erhalten hat, ob es hier geblieben ist,
seit noch altgermanische Stämme hier ihre Ursitze hatten,
oder ob es spätere Siedler wieder mitgebracht haben. Als ein
sehr altes Andenken westdeutscher Siedlung hat sich hier bei
dem Städtchen Bomst der nördlichste Weinbau Europas mit
recht sehenswerten Anlagen erhalten und liefert Erzeugnisse,
die viel besser sind, als meist bekannt. Was das ostdeutsche
Kolonisten-Bürgertum zu schaffen imstande war, beobachten
wir, ausgehend von der eine uralte Brücke des Handels nach
dem Osten bildenden Stadt Landsberg, an den kleineren
Landstädten. Und wie sich in schwerster Zeit der deutsche
Selbstbehauptungswille aufgebäumt hat, zeigt uns die neue
Entwicklung der Verwaltungshauptstadt Schneidemühl oder
dieses Neu-Bentschen, das als Beamtenstadt aus dem Nichts
heraus geschaffen worden ist. Das ist Geist von dem Geist,
der die Melioration des Warthe und Netzebruchs unter dem
Alten Fritz ermöglicht hat, und nach ihm müssen wir die
Grenzmark und ihre dauernd auf kulturellem Vorposten
stehenden Bewohner bewerten.
Das Wappen der Mark Brandenburg ist der rote Adler im
silbernen Schilde, dasjenige von Pommern der rote Greif im
silbernen Felde,