
| SHELL STADTKARTE Nr. 56 GÖRLITZ | | Verlag: SHELL Reisedienst | Titelbild: Peterskirche | Erscheinungsjahr: 1935/36 | Verlag: SHELL Deutschland Holding GmbH | Originalpreis: k.A. | | Direkt zum Stadtplan |
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Shell-Stadtkarte Nr.56 Görlitz

Görlitz berühmt einst als die wichtigste der sechs Städte in der Oberlausitz, die Hauptstadt der preußischen Oberlausitz, ist mit seinen 100 000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Schlesiens. Nicht mit Unrecht wird Görlitz die „Perle der Lausitz" und die „Gartenstadt Schlesiens" genannt. Der Durchbruch der Neiße durch die Ausläufer der Lausitzer Berge zaubert ein von Wald und Wasser belebtes landschaftliches Stadtbild hervor, wie es selten anzutreffen ist. Die städtischen Parkanlagen, die zum größten Teil im Stadtinnern liegen, bedecken eine Fläche von rund 1000 Morgen. 
Die Altstadt, in der Nordostecke, an der Einmündung des Lunitzbaches in die Neiße gelegen, bietet dem Kunst- und Altertumsfreund in einer noch erfreulich geschlossenen Gemeinschaft eine Fülle von Perlen der Baukunst und des Kunstgewerbes vergangener Jahrhunderte. Wir finden da u. a. die Kirche „Zu St. Peter und Paul", eins der schönsten Bauwerke spätgotischen Stils. Sie ist die älteste Kirche von Görlitz und wurde bereits 1225 geweiht. Sehenswert ist auch die Dreifaltigkeitskirche. Ihre Sonderstellung beruht auf der Breitenentfaltung der fünf Schiffe und auf der Durchsichtigkeit des Raumbildes, die durch weiten Pfeilerabstand erzielt wird. Das Innere enthält eine aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammende Taufglocke aus Bronzeguß, Altar und Kanzel stammen aus der Zeit nach dem Brande von 1691, ebenso die prachtvolle von Caspari 1703 gebaute Orgel. Zu den Hauptsehenswürdigkeiten gehört vor allem der Untermarkt mit dem Rathaus. Ein eigenartiges Bild bietet sich hier dem Besucher. Machen schon die alten „Lauben", die, auf zwei Seiten noch vollständig erhalten, den Markt umziehen, einen höchst altertümlichen Eindruck, so ist der Blick durch den ersten Bogen der ersten Laube, dem Rathaus zugewandt, geradezu überwältigend. Da liegt die „Zeile", die uralte Wiege des Görlitzer Geschäftslebens, die merkwürdig-stilvolle Stadtwaage, die „alte Börse" und andere Kostbarkeiten mittelalterlicher Baukunst. Die Rathaustreppe von 1537, ein Prachtwerk der Renaissance, mit ihrem Balkon, der mit Darstellungen einer Eva und dreier geflügelter Sirenen geschmückt ist, die von Steinbrüstungen eingefaßte Freitreppe mit ihrer Säule, auf der eine Justit a aus dem Jahre 1581 thront und deren Flächen mit phantastischen Tiermenschen und Laubgehängen geziert sind, das Wappen des Mathias Corvinus von Ungarn, der 1447-1490 Landesherr der Oberlausitz war, - dazu seitlich links das Portal des berühmten Schönhofs, - das ist für Kenner wie auch für Laien ein Bild ohnegleichen. Das Rathaus selbst wird in der Geschichte erstmals 1332 erwähnt. Außer zwei gotischen Türen im Eingang ist erwähnenswert die Königstube (Amtszimmer des Oberbürgermeisters) mit zwei Türen aus dem 16. Jahrhundert, der Magistratssitzungssaal mit einer hervorragenden Intarsiatür, die von Franz Marquirt 1566 gearbeitet wurde. Vor dem Rathaus befindet sich der Neptunsbrunnen (1756). 
Vergessen wir nicht einen Blick von der Neißebrücke stromauf und stromab, wo die alten Gerberhäuschen bis hinein ins Wasser reichen (Klein-Venedig), oder einen Gang hinter die Nikolaikirche, zum Ehrenmal für die Toten des Weltkrieges, zum alten Friedhof, wo der Schusterphilosoph Jakob Böhme und Goethes späte Liebe, Minna Herzlieb, bestattet sind.

Der Kaisertrutz, der ehemals die „Newe Pastei" hieß, ist eine Befestigung, die 1490 fertiggestellt war und der Westseite der Stadt besonderen Schutz verlieh. Das mächtige Rondell, das einen Durchmesser von 19 m hat, bei einer Mauerstärke auf der Feldseite von 4,5 m, war mit dem Reichenbacher Turm und den Stadtmauern durch lange Flügelmauern mit Wehrgängen verbunden und durch Graben und Tore geschützt. Der Kaisertrutz diente bis vor einigen Jahren der hiesigen Garnison als Arsenal und Hauptwache, wurde jedoch 1932 in ein vorgeschichtliches Museum verwandelt. Auch die neuere Stadt hat bemerkenswerte Bauten, so die „Stadthalle", die im Jahre 1910 eröffnet wurde, das Stadttheater, einen Bau neuester Zeit, und die „Oberlausitzer Gedenkhalle" aufzuweisen. Den Grundstock zu der Oberlausitzer Gedenkhalle mit dem Kaiser-Friedrich-Museum (Ruhmeshalle) legten die Bewohner der preußischen und sächsischen Oberlausitz aus Dankbarkeit für die Schöpfung des Deutschen Reiches; sie wurde eingeweiht durch Kaiser Wilhelm II. am 28. November 1902. Die Kuppelhalle, die eigentliche Gedenkhalle, enthält die Standbilder und Hermen der deutschen Fürsten zur Zeit des Krieges 1870171 als Vertreter ihrer Völker und der Paladine Bismarck, Moltke und Roon. In reichem Maße tritt dem Besucher der Stadt auch das neuzeitliche Wirtschaftsleben entgegen. War Görlitz einst berühmt durch seine Tuchfabrikation, so ist es heute nicht weniger bekannt durch seine Industrie. Bedeutende Werke des Waggon- und Maschinenbaues, der mechanischen Tuchund Teppichweberei, der optischen Industrie, der Lederwarenfabrikation u. a. haben hier ihren Sitz.

Landschaftlich reizvoll ist die Umgebung von Görlitz. Die nahe gelegene Landeskrone bietet herrliche Ausblicke. Riesen- und Isergebirge locken zu längeren Fahrten; nähere Ziele sind: die Königshainer Berge, der Rotstein, der Löbauer Berg, das liebliche Neißetal, die unberührte Görlitzer Heide, das romantische Queistal mit Naumburg und Burg Tzschocha, die Städte Weißenberg, Lauban, Schönberg oder Penzig. Wenn Sie die ganze Karte begutachten möchten, müssen Sie nur auf den Link klicken. (Original-Text aus der Shell Stadtkarte) |