ÜBERSICHT - DEUTSCHLAND - STADTPLÄNE - 1900-1945 - SHELL STADTKARTEN

SHELL STADTKARTE Nr. 66 FLENSBURG

Maßstab k.A.

Hergestellt: 1935 oder 1936

Verlag: SHELL Reisedienst

Originalpreis: k.A.

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Shell-Stadtkarte Nr.66 Flensburg

Wer je das Glück hatte, in dieser nördlichsten der deutschen Städte auch nur Stunden zu verweilen, wird diesen Eindruck nicht vergessen. Die Nähe zweier Meere, von denen die Ostsee mit dem spitzen Finger einer wunderbaren Bucht, der Flensburger Förde - das nordische „Fjord" ist das gleiche Wort - an das Herz der Stadt pocht, ergießt einen seltsam heiteren Schimmer, über das hügelige Land, dem Wald und Wasser seine besonderen Reize verleihen. Deutet auch das Hafenbild, trotz der Erschütterungen des Weltkrieges heute noch lebendig, auf die Beziehungen zur abenteuerreichen Ferne, so wurzelt doch die 67 000 Einwohner zählende Stadt mit ihren Traditionen fest in der deutschen Geschichte. Die Stadt an der Flensaa wird 1240 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und erlebte ihre erste Blütezeit in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Kriegsfurie tobte auch über ihre Mauern hinweg, aber der zähe Geist ihrer Bewohner blieb erhalten, und über 100 Flensburger Dampfschiffe durchfurchten vor dem Weltbrand die Meere der Erde.

Reizvoll ein Gang durch die alte Stadt, die sich in einer Talmulde zwischen den Anhöhen birgt, auf denen die neuen Stadtviertel sich erheben. Dach schmiegt sich an Dach, und dazwischen ragen hohe Kirchtürme in den klaren Himmel, in dem schon die Herbheit des Nordens ruht. Eins der interessantesten Gebäude im alten Häuserviertel ist das „Alt-Flensburger Haus", in dem Dr. Eckener, der Führer der Zeppeline, seine Jugend verlebt hat. Wer dieses typische Flensburger Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert mit seinem reichgezierten Barockgiebel und seinem prächtigen Innern gesehen hat, versteht die merkwürdige Mischung von nüchternem Ernst und vorwärtstreibender Phantasie im Wesen dieses nordischen Menschen. Daß man in diesem Schmuckkästchen, dem Geschäfts- und Wohnhause der Zigarrenmacher und Tabakhändler Eckener, nicht nur altbürgerliche Kultur bewundern, sondern auch Gast beim Glase Wein sein kann, ist ein eigener Reiz für den Besucher.

In die älteste Zeit führen uns Besuche der St. Nikolaikirche am Südermarkt, eines gotischen Baues mit 12 wuchtigen Säulen aus dem 14., der gotischen St. Marienkirche und der romanischen St.Johanniskirche, der ältesten der Stadt, beide aus dem 13. Jahrhundert. Die reichhaltigen Sammlungen des Kunstgewerbemuseums sind Fundgruben für jeden Freund alter und neuer Volkskunst. Das aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammende Gildehaus der Schiffer und Kaufleute, das sog. Kompagnietor, das Nordertor, der Neptunbrunnen, der Schrangen bei der Marienkirche sind ebenso interessante Zeugen aus alter Zeit. Mit Staunen entdeckt man immer neue Schönheiten bodenständiger Stadtkultur. Auf dem alten Friedhof steht man ergriffen vor einem Grabdenkmal mit einer Sphinx aus der Werkstatt Rauchs.

Das brausende Leben der Neuzeit umfängt uns im Norden der Stadt: Eisengießereien, Maschinenfabriken, das Gas- und Kraftwerk und die Werft der Flensburger Schiffsbaugesellschaft. Brauereien, Großdestillationen, Papier-, Seifen- und Hefefabriken ergänzen diese Schau Flensburger Gewerbefleißes.

Von hier aus bietet sich auch ein herrlicher Blick auf die Förde und den gewaltigen Bau der Marineschule Mürwik, im Stil der Marienburg im deutschen Osten errichtet. Aus der neuesten Zeit ist das im Jahre 1930 eingeweihte „Deutsche Haus", ein moderner Saalbau, zu nennen, dessen großer Saal 1500 Sitzplätze enthält. Die Stadt, deren Rundfunksender jedem Radiofreund wegen seiner guten Darbietungen bekannt ist, weist auch auf dem Gebiet des Theaters und der Kunst alle jene Vorzüge auf, die sie dem Besucher empfehlenswert machen.

Bleibt auch des Winters Strenge diesem meerumschlungenen Lande fern - die Strandbäder, die Heide- und Waldgebiete, Förde und Meer entfalten doch ihre größte Schönheit zwischen Frühling und Herbst, der hier sehr lange dauert und mit der Farbenpracht der Buchenwälder und den weiten Fernblicken besonders beglückt. Gute Straßen ermöglichen dem Autofahrer rasche und bequeme Ausflüge nach allen Richtungen. Eins der schönsten Ziele ist Glücksburg mit seinem herrlichen Wasserschloß und wunderbaren unvergleichlichen Spaziergängen in unberührter Natureinsamkeit. Das schöne Land der Angeln mit den stillen Ostseebädern Holnis, Drey und anderen, Schleswig mit dem Dannewerk, die Ausgrabungsstätten von Haithabu, die Landschaft der Schlei mit Kappeln, ferner Süderbrarup, die Schlachtfelder von Düppel, Oeversen und Idstedt - alles lockende Perlen im grünen Schleier der deutschen Nordmark. Wen es weiter zieht - aber auch nur zu gemütlichen Tagesausflügen - der fahre zum Nordseestrand nach Westerland und den Halligen, oder über die Grenze in das verlorene deutsche Land nach Sonderburg, und Apenrade oder gar Hadersleben - immer aber wird den Heimkehrenden die stille Schönheit Flensburgs wie ein Hafen der Ruhe umfangen und ihm den Abschied schwer machen.

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(Original-Text aus der Shell Stadtkarte)


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